Presse
BadZ

Badische Zeitung am 9.7.2010
I
Ganz schön schräg, diese Ausstellung!
Im Kunstpalais in Badenweiler zeigt Matthias Schwoerer Karikaturen und Cartoons.

BADENWEILER. Jeder Raum birgt etwas anderes: Karikaturen, Cartoons, Zeichnungen und Objektkästen, Werke in verschiedenen Techniken und aus unterschiedlicher Schaffensphasen. Hier zeigt sich der Vorteil des Kunstpalais’ in Badenweiler, dass es nämlich mehrere Räume in unterschiedlichen Größen für Ausstellungen bietet. Und nun gibt es eine Premiere in der soeben mit neuer Beleuchtung ausgestatteten Galerie: Matthias Schwoerer ist nicht Maler und nicht Bildhauer. Er hat auch nicht Kunst studiert, sondern unter anderem Geschichte für den Lehrberuf. Aber er zeichnet – mit Witz, Humor und einigem Wahnsinn, was Betrachter seiner Arbeiten schmunzeln, lachen oder zumindest mal länger darüber grübeln lässt, was der Künstler wohl damit sagen will.
So viel gleich mal vorweg: Grübeln, lachen, schmunzeln ist erlaubt. Aber nicht in jeder Arbeit muss nach einem tiefen Hintersinn gesucht werden. Einfach nur zu schauen und zu fantasieren, ist durchaus okay. Manchmal helfen einem beim Interpretieren Texte. Manchmal verwirren sie aber eher, weil es für Matthias Schwoerer zwar der richtige Text zum Bild ist. Aber für ihn und nicht für jeden. Weshalb der ausgefallene Ausstellungstitel auch prima passt: "Schön! Schräg!"
Gefunden haben sie diesen "als Kompromiss", wie sie sagen, Matthias Schwoerer und Kurator Wolfgang Baaske, die beide in Müllheim beziehungsweise Badenweiler leben und arbeiten. Baaske hatte die Idee zur Ausstellung. Lange überzeugen musste er das Auswahlgremium im Kunstpalais-Verein aber nicht – Schwoerers Arbeiten hätten sofort überzeugt. Mit Karikaturen und Cartoons kennt sich Wolfgang Baaske aus, nicht nur weil er im Basler Cartoonmuseum als Kurator gearbeitet hat, sondern auch weil er in Müllheim eine Cartoon-Agentur betreibt.
Einen durchgehenden Stil wird der Betrachter in den Arbeiten des 1949 in Freiburg geborenen Südbadeners vermissen. Typische Kennzeichen wie die Knollnasen der Loriot-Männchen auch. "Ich habe nie Interesse daran gehabt, ein absolutes Merkmal zu entwickeln und nur noch in diesem Stil zu arbeiten", sagt Schwoerer, der sich als experimentierfreudig bezeichnet. Einen Nachteil habe dies allerdings: "Man wird nicht so bekannt". Damit untertreibt er. Schließlich werden seine Arbeiten in vielen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz. Hier arbeitet er zum Beispiel für den Nebelspalter, der mit dem deutschen Satire-Magazin Titanic vergleichbar ist. Aber auch in FAZ, Süddeutscher Zeitung, Stuttgarter Zeitung – und der Badischen – sind die Leser schon auf echte Schwoerer gestoßen. Im Kunstpalais wird’s sicher vergnügliche Déjà-vu-Erlebnisse geben.
Alltägliches, Szenen einer Ehe und Erinnerungen an seine Zeit als Bühnen- und Regieassistent greift Schwoerer ebenso auf wie sozialkritische, politische Themen. Mitunter lädt er den Betrachter auch zu einer Mikrobenkonferenz ein. Oder er schreibt, genauer gesagt: zeichnet, die Weltgeschichte neu – indem er die Schweiz zur kolonialen Großmacht werden lässt. Mit schrecklichen Ende...
ANDREA DRESCHER

Sonntag

Der Sonntag vom 11.7.2010
Schoen, schraeg: Schwoerer
Cartoons, Zeichnungen und Objekte von Matthias Schwoerer in Badenweiler

Ein forstlich gekleideter Mann tritt durchs halb offene Tor in die Baumschule K. Zweigle und ruft: „Guten Morgen. Setzen!" Zwei ziemlich auf- oder abgetakelte Frauen unterhalten sich, und die eine sagt: „Krähenfüße. Orangenhaut. Stachelbeerbeine - ich bin das reinste Naturschutzgebiet." Schließlich Hund und Herr: „Jeden Abend um halb Neun verließ Hasso vom Funkelstein mit seinem Herrchen zum Gassi-Gehen das Raum-ZeitKontinuum."
Drei Beispiele aus der von Wolfgang Baaske kuratierten Ausstellung mit Cartoons, Zeichnungen und Objekten von Matthias Schwoerer, die das KunstPalais in Badenweiler seit gestern unter dem Thema „Schoen! Schraeg!" zeigt. Drei Beispiele, die exemplarisch zeigen, hier kennt einer die Abgründe des Humors und versteht es, sie geistreich und listig zu überspringen.
Der Besuch der Ausstellung wird zum vergnüglichen Rundgang durch die Räume des Kunst-Palais, weil Schwoerer als erfahrener Cartoonist und Karikaturist genau weiß, dass Witz und Satire höchst empfindsame Gebilde sind, die, ein Strich oder Wort zuviel, unversehens ins Spießig-Verbiesterte oder Bösartig-Denunziatorische abstürzen. Schwoerers erprobte Zeichenkunst- er beliefert zwei Dutzend Zeitungen, Periodika und Bücher-bewahrt ihn vor dem artistischen Sündenfall und ermöglicht ihm, alles am Rand des Kraters in der Schwebe zu lassen. Zeichnungen und Texte ergänzen sich, mal liefert die eine, mal der andere die Pointe, auch das Quantum Bosheit, die ein leises, gelegentlich auch lautes kurzes Lachen provozieren.
Der 1949 in Freiburg geborene, in Badenweiler und auf dem Hinterzartener Birklehof aufgewachsene Schwoerer ist studierter (Theaterwissenschaft, Germanistik, Geschichte) Gymnasiallehrer, hat aber in den siebziger- und frühen achtziger Jahren in Frankfurt, Kassel und Ulm auch als Bühnenbildner gearbeitet. Die dabei gemachten Erfahrungen kommen dem Cartoonisten und Zeichner zugute, denn er weiß, das Leben ist Spiel, es erzählt Geschichten, und in denen gibt es immer wieder komische, groteske, ja absurde Situationen, die nicht spurlos verpuffen dürfen, weil ohne sie die Bühne des Lebens öd und leer bliebe.
Also liegt er auf der Lauer, beobachtet genau und unauffällig und macht zeichnerisch und textlich dingfest, was ihm vor die Augen kommt. Er, der lächelnd bekennt, nicht in Berlin und New York zu leben und zu arbeiten, „sondern in Müllheim und Badenweiler" weiß, dass Komik weit mehr :als Fröhlichkeit ist, dass sie gelegentlich auch im Paradox erlebbar wird, wie seine fünf schönen Zeichnungen zu Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena' beweisen oder die nebenan gehängten sechs Blätter, in denen Alltagsgegenstände wie Wanne, Tisch, Liege, Schaukel, Stuhl verfremdet werden, weil tierische Wesen sich ihrer bemächtigt haben, dass das Papier Wellen schlägt und die Realität doppelbödig macht.
Doch Schwoerers zeichnerische Fantasie erfindet auch ganz neue Geschichten, zum Beispiel eine Verpasste Weltgeschichte`; die er nun in fünf großformatigen farbigen Blättern erzählt: Die Schweiz als Kolonialmacht - Was für ein Thema! Kaiser Ruedi VII. gibt den Befehl zur Eroberung der helvetischen Kolonialgebiete, die Truppen fahren auf dem Schiff „Aurora`; das in „Alpenglühen" umbenannt wurde, aus, es kommt irgendwann zum Flaggenappell in Nova Grishuna, doch nach der erfolgreichen Septemberevolution wird der letzt Schweizer Kaiser Jürg II. liquidiert...
Man sieht, Schwoerer hatte einstens in München und Heidelberg auch Geschichte studiert, und nun ist er so frei, das zu zeichnen, was er seinerzeit nicht gelernt hat. Das zu entdecken, ist höchst vergnüglich: Wie auch das kleine Blatt mit dem Titel „Die Rache der Pfeife" und dem Bild einer Margerite und dem witzigen Text: „Ceci n'estpas une Magritte`: Oder die anderen, zum Teil großformatigen Zeichnungen, die an Samuel Becketts und Eugene Ionescos Theater erinnern mit ihren absurden Szenen und „gezeichneten" Gestalten. Kurzum: Das alles ist vor allem schräg, doch es, ist zugleich schön und zusammengebunden Schoen! schraeg!
NIKOLAUS CYBINSKI